Das HELDECO-Zeugnis für unsere Politik
Die unbestechliche Währung des Zeugnisses duldet keine Ausflüchte, keine Relativierungen. Es ist eine ungeschönte Bilanz des Tuns und Lassens – heute verteilt an über eine halbe Million Schülerinnen und Schüler des Landes. Kein Weichzeichnen, kein „…aber“, keine rhetorische Politur. Stattdessen nackte Kennzahlen und eine – (un)gewollte – Einladung zur Selbstreflexion.
Womit sich unsere Schülerinnen und Schüler heute – und wohl auch in den nächsten Tagen – auseinandersetzen (müssen), hat einen ernüchternden, aber heilsamen Kern: das Eingeständnis des Ungenügenden – und den Willen zur Verbesserung.
Eine Praxis, die auch außerhalb von Klassenzimmern gut täte. Wer dem Irrtum unterliegt, Zeugnisse seien ein rein pädagogisches Instrument, irrt: Etwa Umsatzzahlen, EBIT, Reklamationen oder Lob sind Zeugnisse unseres wirtschaftlichen Handelns.
Qualität entsteht eben nicht aus Selbstgefälligkeit, sondern aus der Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen. Aus der Einsicht in das Ungenügende. Und aus dem ernsthaften Versuch, es beim nächsten Mal (noch) besser zu machen. Diese Haltung endet nicht an unserer Werkseinfahrt. Sie betrifft die gesamte Region, unsere Industrie, und letztlich auch Europa. Denn auch unser Kontinent wird regelmäßig benotet – durch Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft, Zusammenhalt. Und auch hier gilt: Wer sich mit einem „Genügend“ zufriedengibt, riskiert das Abrutschen.
Wir nehmen uns daher heute heraus, Zeugnisse zu verteilen (siehe weiter unten) – beispielsweise in Verwaltungslehre, Rechnungswesen oder Pensionsmathematik. Spoiler: In vielen Fächern sehen wir uns spätestens im Herbst zur Nachprüfung wieder.
Uns selbst sparen wir dabei nicht aus: Benoten Sie uns, stellen Sie uns Ihr Zeugnis aus. Ohne Ausflüchte. Ohne Relativierungen.

Die HELDECO-Noten im Detail
Volkswirtschaftslehre: Nicht genügend
Nach zwei Jahren, in denen wir das „Nicht genügend“ im Zeugnis einfach hingenommen haben, liest sich auch der Zeugniseintrag 2025 wenig ermutigend. Ja, im ersten Quartal gab es erste Anzeichen für Stabilisierung – aber Hand aufs Herz: Das lag vor allem daran, dass der Staat das Pausenbrot großzügig verteilt hat. Öffentlicher Konsum als Nachhilfelehrer ist eben keine Eigenleistung.
Die Industriestimmung bessert sich zaghaft, aber die nächste Prüfung wird härter: Unsicherheiten wie die US-Zollpolitik und geopolitische Konflikte machen jeden Lernplan wackelig. Gleichzeitig schwächelt unsere preisliche Wettbewerbsfähigkeit – mit direkten Folgen für Exporte und Investitionen. Wer glaubt, damit könne man dem Sitzenbleiben entrinnen, irrt gewaltig.
Rechnungswesen: Genügend
Nach Jahren, in denen die heimische Politik Rechnungswesen und Controlling eher wie eine unverbindliche Übung behandelt hat, wird der Gegenstand langsam zumindest zum Wahlpflichtfach – nicht ganz freiwillig, sondern auf sanften Druck der Direktoren in Brüssel.
Ein Budgetdefizit von 4,7 Prozent des BIP 2024 ist jedenfalls keine besonders gelungene Hausaufgabe, sondern hat nun eine Strafarbeit fürs ganze Land zur Folge. Wer munter Taschengeld verteilt, ohne die Einnahmen sauber zu verrechnen, darf sich nicht wundern, wenn der Fleißstern im Heft fehlt. Gleichzeitig drücken hohe Zinsen und teure Kredite wie ein schwerer Schulranzen auf den Handlungsspielraum. Statt Ausreden bräuchte es endlich einen sauberen Rechenweg: klare Prioritäten, weniger Verschwendung und einen Plan, wie wir ohne Nachhilfestunden im internationalen Wettbewerb bestehen. Hausaufgabe für alle: ehrlich rechnen.
Verwaltungslehre:
Sehr gut
In Verwaltung sind wir echte Musterschüler – Österreich darf sich hier ohne Scheu in die erste Reihe setzen. Die Bürokratielast, die Betriebe zu stemmen haben, wird von Jahr zu Jahr vorbildlich schwerer. Laut einer Market-Institut-Umfrage berichten 59 Prozent aller Unternehmen und gleich 72 Prozent der Klein- und Mittelbetriebe, dass der Zeitaufwand für Verwaltungspflichten in den letzten drei Jahren kräftig zugelegt hat. Das nennt man engagierte Stoffvertiefung!
Im Klassenschnitt üben heimische Betriebe schon 9,4 Stunden pro Woche Formulare auszufüllen und Genehmigungen nachzutelefonieren – ein hervorragendes Training in Ausdauer und Disziplin.
Verwaltungslehre kommt in Österreich eben richtig gut an: Nur magere 88 Prozent wünschen sich daher auch „weniger Bürokratie“ am Stundenplan. Wer braucht schon Wettbewerbsfähigkeit, wenn er eine sauber gestempelte Ablage vorweisen kann?
Pensionsmathematik: Nicht genügend
Österreich bleibt in diesem Fach weiterhin sitzen. Während zwei Drittel der Industrieländer längst automatische Anpassungsmechanismen für Pensionen eingeführt haben, bevorzugen wir kreative Lösungen: 29 Änderungen seit 2005 – Hauptsache, keiner rechnet es wirklich durch.
Die Ergebnisse der Demografie-Prüfung fallen erwartbar schlecht aus: Bis 2070 wächst der Anteil der über 65-Jährigen auf fast 30 Prozent.
Immer weniger Erwerbstätige sollen immer mehr Pensionen finanzieren – ein Rechenweg, der auf jedem Schularbeitszettel mit „Thema verfehlt“ korrigiert würde. Schon heute kostet das System über 26 Milliarden Euro jährlich. Aber Transparenz oder nachhaltige Planung? Steht offenbar nicht im Lehrplan.
Arbeits- und Sozialkunde: Nicht Genügend
Gleich drei Mal wurde der Eintrag für die Kollektivvertragslöhne seit 2021 im Mitteilungsheft durchgestrichen – und nach oben korrigiert. Hätte doch jemand nachgerechnet! Eine mathematische Fehlkalkulation mit katastrophalen Folgen kommt nämlich teuer: Die Löhne in der metalltechnischen Industrie sind mittlerweile um über 20 Prozent höher als noch vor drei Jahren.
Das ist keine Belohnung für Fleiß, sondern die Bestätigung für fehlendes Augenmaß. Die Konsequenz liest sich klar: Viele Betriebe ringen inzwischen ums wirtschaftliche Überleben. Vom knappen Abrutsch sind wir bereits weit entfernt, der bevorstehenden Aufprall auf dem Boden der ökonomischen Tatsachen steht hingegen bevor.
Besonders bitter: Die, die sich noch immer Sozialpartner nennen, haben diesen Titel längst verspielt. Sozial ist daran nichts mehr – und Partner sein heißt nicht, immer nur die eigene Forderung durchzusetzen.
Für die Nachprüfung der Nachprüfung der Nachprüfung im Herbst bleibt nur eines: Hinsetzen. Hausaufgaben machen. Und vielleicht auch ein bisserl Geschichte lernen – damit wir nicht jedes Jahr dieselben Fehler wiederholen.